Das Rudel
Wer sich nicht anpaßt, fliegt raus.
Zum Zweck des Jagderfolgs, der besseren Fürsorge, und des Schutzes, praktizieren Wölfe die Rangordnung. Dominanz, Unterwürfigkeit, aber auch das Liebkosen gehören zum Alltag. Nur so funktioniert eine Lebensform der Superlative: Das Rudel.

Für jedes Beutetier gibt es eine besondere Jagdtechnik. Wölfe wissen genau, wie sich die verschiedenen Beutetiere verteidigen. Darauf ist die Jagdtechnik abgestimmt. In der Regel wird im Rudel gejagt. Nur im Verband können große Beutetiere überwältigt werden. Einzeltiere haben nur bei kleinen Tieren, wie Hasen oder Lämmer Jagderfolg.
Das Wolfrudel ist eine Funktionseinheit. Das Band, das Sie zusammenhält, ist die gegenseitige Symphatie und Achtung. Die Grundlage für das Zusammenleben im Rudel ist die Fähigkeit, miteinander Kontakt aufzunehmen, die Kommunikation. Bei den Jagdmanövern von Wölfen erkennt man deren hohe Auffassungsgabe und Intelligenz. Jeder Wolf entscheidet anhand von angeborenen und erlernten Verhaltensmustern selbst, was in bestimmten Jagdsituationen zu tun ist. In Sekundenschnelle schätzt Er die Reaktion der Beute ein, kalkuliert die Beschaffenheit des Geländes und die bereits von seinen Jagdgenossen ausgeführten Manöver. Diese Beobachtungen baut Er in seine eigene Entscheidung mit ein, die auch die Entscheidung des gesamten Rudels sein kann: Eine Jagd entweder erfolgreich zu beenden oder den Entschluß zum Abruch zu treffen. Der Zweck der Kommunikation beim Wolf ist die Verständigung im Rudel, die Abgrenzung zu anderen Rudeln, aber auch das Finden von neuen Lebenspartnern.
Wölfe verwenden zur Verständigung Ihren Geruchssinn, die Mimik, die Körperhaltung, die Stimme und Berührungen. All diese Äußerungen sind Elemente komplexer Verhaltensweisen. Zum Beispiel sieht die Begrüßung eines ausgewachsenen Tiers durch einen Welpen folgendermaßen aus: Mit eingeknickten Hinterläufen und zwischen die Beine geklemmten Schwanz, der nur an der Spitze hin- und herwedelt, rennt der Welpe auf das erwachsene Tier zu. Der Kopf wird tief gehalten, die Ohren sind nach hinten gelegt. Beim erreichen des Alttiers versucht der Welpe das Gesicht zu lecken und hochzuspringen. Dabei quitscht er erfreut. Schließlich rollt Er sich auf den Rücken und winselt. Der Welpe will mit diesem Verhalten gleichzeitig Freude, Untertänigkeit und Achtung ausdrücken. Diese Gestenfolge erzeugt bei einem Alttier Agressionsbesänftigung und eine Art Pflegeverhalten; das Nähern des Jungtiers ermöglicht dem Alttier ein Identififizieren des Geruchs und damit ein zusätzliches Erkennen und Akzeptieren. Von diesem Moment an hat das Jungtier den Freibrief, mit dem Alttier zu spielen, es in den Schwanz zu beißen, anzuspringen, ohne daß Agressionen enstehen. Die gleiche Abfolge von Gesten tritt auch auf, wenn sich ein Tier nähert, das nicht zum Rudel gehört. Es bleibt dann den Mitgliedern des Rudelsüberlassen, die Gesten des neuen Tiers zu akzeptieren oder nicht. In den meisten Fällen begegnen aber die Alpha-Tiere, das Leitweibchen und das Leitmännchen, dem Neuankömmling nach der Geruchsidentifikation, trotz Untertänigkeitsbezeugungen, eher mit Agressionen, denn mögliche Konkurrenten sind im Rudel nicht erwünscht.
Die zwei häufigsten sozialen Kontakte in einem Wolfsrudel sind der Fell- und Schnauzenkontakt. Sie dienen dem Austausch von Informationen über den Geruchssinn; Berührungen haben Signalfunktion. Der Zusammenhalt des Rudels wird auf diese Weise immer wieder aufs Neue bestätigt. Vor allem zwischen Welpen und ranghöheren Rudelmitgliedern tritt diese Form der Kommunikation auf. Dazu gehört auch das Lecken des Fells, das von der Mutter, aber auch von anderen Rudelmitgliedern, an den Welpen immer wieder zu beobachten ist. Nach Kämpfen oder nach der Jagd werden offene Wunden beleckt, bei Rangkämpfen sogar vom Verursacher der Verletzungen, um die Ruhe im Rudel wiederherzustellen.
Wölfe erkennen sich nur aus nächster Nähe optisch. Hat sich ein Wolf längere Zeit vom Rudel entfernt, oder wurde Er vertrieben, muß eine zusätzliche Geruchskontrolle vorgenommen werden. Diese läuft über den allgemeinen Körpergeruch ab, aber auch wie bei Hunden, über das Inspizieren der Anal- und Pecaudaldrüsen, am oberen Schwanzansatz. Beim Wolf ist der Geruchssinn offensichtlich am besten ausgeprägt. Auch wenn nur das Zusammenspiel von Gehör, Gesichtssinn, Tastsinn und Geschmackssinn dem Wolf seine überlebenswichtigen Informationen gibt, so verdankt Er seiner feinen Nase viele wichtige Detailinformationen. Mit dem Geruchssinn, der mit einem spezialisierten Nervensystem verbunden ist, kann der Wolf komplexe Funktionen der Hormondrüsen bei allen Säugetieren, bei Artgenoßen, aber auch bei Beutetieren wahrnehmen. Hormone, deren Ausschüttung von der Hirnanhangdrüse, Hypophyse, oder den Geschlechtsdrüsen gesteuert werden, können identifiziert werden. So kann der Wolf das männliche Hormon Testosteron vom weiblichen Östrogen anhand der Ausscheidungen unterscheiden. Auch das vom Nebennierenmark produzierte Adrenalin oder das Sreßhormon Cortisol erkennt Er. All diese Hormone gelangen in den Schweiß und werden so für einen Freßfeind, einen Partner oder einen Gegner, riechbar. Besonders viele dieser Schweißdrüsen befinden sich beim Wolf an den Pfoten, wo die Ausscheidungen rasch verdunsten und Ihre Duftsignale in die Luft abgeben. Zur Identifizierung von Familienmitgliedern dient ein genetischer "Geruchsfingerabdruck", der von den Rudelmitgliedern erkannt wird.
Der Mensch könnte den Eigengeruch des Wolfs, im Gegensatz zu dem des Hundes, nur dann wahrnehmen, wenn Er die Nase direkt ans Fell halten würde. Beutetier, die einen wesentlich ausgeprägteren Geruchssinn besitzen, können die Witterung des Wolfs über weite Entfernungen aufnehmen. Deshalb versuchen Wölfe Ihren Eigengeruch immer zu überdecken, indem Sie sich in Aas oder anderen stark riechenden Stoffen wälzen. So können Sie nicht von Ihren Beutetieren identifiziert werden. Zum Entsetzen Ihrer Besitzer pflegen auch viele Hunde diese Art der Geruchstäuschung.
Weitere Geruchsinformitionen werden mit dem durch Drüsenausscheidungen praktizierten Markierungsverhalten gegeben. Diese Informationsübermittlung, die durch Urin und Kot gemischt mit Drüsenflüssigkeit stattfindet, dient über viele Wochen als Signalgeber. Wichtiger als Kot scheint der Urin zu sein. Während der Paarungszeit hat das urinieren bei den Wölfen eine ganz besondere Bedeutung. Es werden regelrechte "Urinierzeremonien" abgehalten, an denen das Alpha-Paar, aber auch andere ranghohe Wölfe, teilnehmen. Die Tiere urinieren an einem Platz und beschnuppern intensiv den abgesetzten Urin. So prüft der Alhpa-Rüde den Stand der Hitze beim Weibchen. Für die anderen Rudelmitglieder scheint das gemeinsame urinieren der Bindung im Rudel zu dienen.
Wölfe stecken mit Harn aber auch das Territorium und Jagdgebiet ab, das mehrere Jahre konstant bleibt. Auch Kot wird dazu verwendet. Er wird immer an auffälligen Stellen, auf einem Stein, an einem Busch oder einem Baumstumpf abgesetzt. Da ein Wolfsrudel sein Territorium innerhalb von etwa vier Wochen durchwandert, werden immer wieder die gleichen Stellen, meist durch den Alpha-Rüden, markiert. Sie bleiben Eckpfeiler des Jagd- und Wohngebietes. So wird den Rudelmitgliedern, die sich vom Rudel entfernt haben, durch die Frische der Markierungen der Aufenthaltsort des Rudels mitgeteilt. Mitglieder anderer Rudel, die an das Revier angrenzen, werden über den Standort Ihrer Konkurrenten informiert und können die Region meiden, um keine unnötige Konfrontation hervorzurufen. Der gesamte Umfang der Geruchssignale der Wölfe ist bis heute noch unbekannt.
Im Wolfsrudel läuft die Verständigung auch über die Stimme und das Ohr ab. Ein Wolf verfügt über sechs Grundlautäußerungen: Winseln, Wuff-, Knurr-, Schrei- und Heullaute sowie Laute, die mit Hilfe anderer Körperteile erzeugt werden. Ein Wolf verständigt sich über kurze Distanzen mit Körper- und Geruchssignalen, über weite Distanzen nur mit Lauten. Jeder Wolf besitzt eine individuelle Stimmlage. Über Entfernungen von bis zu 15 Kilometern können sich Wölfe in offenem Gelände verständigen.
Das Winseln ist einer der häufigsten Laute im Wolfsrudel, der bei ausgewachsenen Tieren wie auch bei Welpen verwendet wird. Es bedeutet: Unruhe, Unzufriedenheit, Angst, leichte Erregung oder Bereitschaft zur Paarung, oder eine Aufforderung an andere Wölfe, zB aufzustehen.
Das einsilbige Wuffen ist ein Warnlaut. Es kann sich zu einem Bellen steigern und bedeutet dann große Erregung.
Das Knurren ist ein Drohlaut. Bei zunehmendem Drohen werden vom Wolf immer mehr Laute dazugemischt, sodaß das Knurren in ein Schreien übergeht. Während das Schreien bei den Welpen Angst bedeutet und Hilfsaktionen der Erwachsenen hervorruft, kann das Schreien der ausgewachsenen Tiere zum Zähneklappern führen, der höchsten Stufe von Verteidigungsbereitschaft.
Das aufschlagen der Füße beim Überfallgallop reißt das Rudel zum Angriff mit, und das Knacken der Knochen und das Schmatzen des Rudels nach erfolgreicher Jagd ruft die Welpen zum Freßen.
Für den Menschen ist das Heulen im Zusammenhang mit dem Wolf wohl der einprägsamste Laut. Über die Kommunikationsfunktion des Heulens im Rudel ist viel spekuliert worden. Doch heute weiß man die Bedeutungen dieses schaurigen Gesangs. Wölfe wollen durch Heulen mit über weite Strecken auseinander gezogenen Rudelmitgliedern kommunizieren, wollen wissen die anderen sind noch da und ein Signal über den eigenen Standpunkt geben. Auch Gefühle und Stimmungen können in der Art des Heulens ausgedrückt werden: Freude, Trauer, Stolz, Erfolg.
Wölfe schlafen die meiste Zeit am Tag. Sie sind dämmerungs- und nachtaktiv. Wenn Sie am Nachmittag Hunger verspüren, kommt Leben in das Rudel. Dann beginnt zur Einstimmung auf den Abend ein gemeinsames Heulkonzert. Die Bindung des Rudels wird damit gestärkt. Es heulen alle Wölfe, vom Welpen bis hin zu den Alpha-Tieren. Das Heulen dient aber auch zur Markierung des Reviers, zusätzlich zu den abgesetzten Duftsignalen. Die benachbarten Wolfsrudel werden über die Nähe eines anderen Rudels informiert. Auch die Einzelgänger unter den Wölfen heulen. Sie sind auf der Suche nach einem Weggefährten, einem Gleichgesinnten oder einem Weibchen.
Entsprechend Ihrer fein abgestimmten akustischen Signale ist auch das Gehör der Wölfe sehr gut ausgeprägt. Menschen, die in fünf Kilometern Entfernung das Heulen eines Wolfs nachahmen, bekommen eine Antwort. Die Ohren der Wölfe nehmen alle Geräusche in der Umgebung wahr. Selbst wenn sie zu schlafen scheinen, folgen die Ohren den auftretenden Geräuschen. Die Tiere wachen sofort auf, wenn Sie ein verdächtiges oder verlockendes Geräusch wahrnehmen. Etwas anders verhält es sich mit der optischen Kommumikation. Wölfe sehen relativ schlecht. Man nimmt an, daß sich Rudelmitglieder ab einer Entfernung von 30 bis 40 Metern nicht mehr über den Gesichtsinn erkennen können. Die Kurzsichtigkeit der Wölfe ist sicher auf die fehlende Sehgrube zurückzuführen. Allerdings können Wölfe Bewegungen, wenn auch nur unscharf, in der Ferne wahrnehmen. Im Nahbereich sehen Wölfe jedoch sehr gut, sodaß Mimik und Körpersprache von Artgenoßen deutlich erkennbar sind.
Der Wolf hat in seiner Grundhaltung einen aufgerichteten Körper, lockere, nicht steif gehaltene Beine, der Schwanz hängt nach unten, das Gesicht ist glatt, die Lippen sind entspannt, die Ohren werden, um Geräusche wahrzunehmen, bewegt. Verändert sich allerdings die Situation und es tritt zB ein sozialer Konflikt auf, so werden Körperhaltung und Mimik zum Signal. Der Wolf kann nun seine Körperhaktung modifizieren und hier spielen viele Faktoren eine Rolle, in welche Richtung seine Ausdrucksfolge geht. Ganz wesentlich sind hier sein Alter, sein Geschlecht und vor allem die Rangstellung im Rudel. Dann spielen auch noch Gegner, Art der Situation, Gelände und der eigene Antrieb eine Rolle. Es ist wesentlich, ob es sich um einen Konkurrenzkampf oder ein Annähern zu Paarung handelt, das Erlegen von Beute, Angst oder Langeweile.
Ein Wolf, der als Reaktion auf eine Bedrohung in Wut gerät, legt die Ohren an und fletscht die Zähne. Mit Zunahme der Verteidigungsbereitschaft und Angriffstendenz sträuben sich die Nackenhaare, die Nase wird immer mehr gekräuselt und die Zähne mit weit geöffneten Lippen gefletscht, die Ohren werden aufgestellt. Hat der Wolf Angst, werden die Ohren angelegt, die Augen weit aufgerissen und das Maul geöffnet, die Zähne werden dabei aber nicht gefletscht.
Innerhalb eines Rudels kommt es manchmal zu Rangkämpfen. In diesen Fällen wird ohne vorherige Signalgebung angegriffen. Es gibt einen Angriff aus der neutralen Haltung ohne Vorwarnung. Zunehmende Angst scheint die Angriffstendenzen zu hemmen.
Ist der Gegner überlegen, kommt es dann zusehends zu Beschwichtigungsgesten, wie den Schwanz zwischen die Beine klemmen, die Beine einknicken, Unterwerfungsgesten, wie auf den Rücken legen und Winseln, und schließlich zur Flucht. Gekoppelt mit diesen Verhaltensweisen ist der jeweils abgewandte Blick vom Gegner, der einen Ausdruck von Unsicherheit und Angst darstellt. Nimmt die Angriffstendenz bei fehlender Angst jedoch zu, so sträuben sich die Rückenhaare, Haltung und Bewegung sind dagegen locker. Die Motivation zum Angriff ist ausschließlich am Verhalten, nicht aber an der Mimik erkennbar. Je nach Rangunterschied, der von den beteiligten Wölfen sehr schnell erkannt wird, sind verschiedenste Stufen von Aggression und Dominanz zu sehen.
Nur in wenigen Fällen aggressiver Konfrontation kann es zwischen Wölfen zu Kämpfen kommen. Da Wölfe meist unter extremen Bedingungen leben, könnten Verletzungen den Tod bedeuten. Es scheint also sinnvoll, sich in einem Rangkampf nicht zu verletzen. Von Wolfsforschern wurde dieses Verhalten bisher als "Beißhemmung" bezeichnet. Diese Hemmung soll sowohl das Zubeißen beim Transport der Welpen als auch das schwere Verletzen bei Kämpfen verhindern. Die Beißhemmung ist eine individuelle Erfahrungsreaktion der Wölfe, denn ein Biß tut weh, und man wird nur dann heftig gebissen, wenn man selbst fest zugebissen hat. Deshalb unterlassen Wölfe in der Regel das feste Zubeißen, aus Angst selbst schmerzhaft gebissen zu werden. Ein Kampf mit Bissen findet nur statt, wenn eigene Interessen auf dem Spiel stehen, etwa bei einem Machtkampf um eine Vorrang- oder Alpha-Stellung im Rudel, oder bei der Vertreibung rudelfremder Tiere. Es kann in diesen Fällen auch zu tödlichen Verletzungen kommen.
Das Spiel ist ein wesentliches Element im Leben des Wolfs. Ein Welpe erlernt spielerisch das Jagen, Verteidigen, Durchsetzen, Unterwerfen und alle Riten und Signale, die im Rudel der Kommunikation dienen. Später werden spielerisch Aggressionen ausgelebt. Rollen, die sich im Rudel bereits festgesetzt haben, werden spielerisch verfestigt oder im Spiel einmal umgekehrt. Das Angreifer-Verteidiger-Spiel ist sehr beliebt und die zum Spiel gehörige Umkehr der Rollen erfolgt innerhalb von Sekunden. Dadurch kommt jedes Rudelmitglied, in die Situation, dominant sein zu dürfen und wird so besänftigt. Ein Rudelmitglied, das spielen möchte, hebt den Schwanz leicht an, die Ohren sind nach vorne gerichtet und mit einer Vorderpfote stupst es in Richtung Schnauze des gewünschten Mitspielers. Dann legt sich das Tier auf den Boden. Sein Mitspieler macht, bei Interesse an der Aufforderung, einen Satz nach vorne und das Spiel kann beginnen. Das Spiel ist bestückt mit Balgereien, ritualiesierten Bissen und Knurren oder Verfolgungsjagden. An dem von hohen Kläffen begleiteten Spiel nehmen mit der Zeit mehr und mehr Rudelmitglieder teil und reagieren sich so ab.
Um neue Partner oder Nahrung zu finden, müssen die Wölfe wandern. Diese Wanderungen werden vom gesamten Rudel, aber auch von Einzeltieren durchgeführt. Wandert ein Rudel, so folgen die Rudelmitglieder normalerweise dem Alpha-Tier. Jeder Wolf versucht, seinen Tritt in den des Vormanns zu setzen. So hat ein Wolfsrudel oft nur eine Spur, die einem ungeübten Betrachter vermittelt, daß Sie nur von einem Wolf stammt. Das Problem aller wandernden Wölfe ist, daß Sie die Reviere anderer Wölfe kreuzen müssen oder mit Ihnen in Kontakt kommen. Wo es genügend Beute gibt, gelingt es neuen Wölfen, sich in einem bereits eingenommenen Territorium niederzulassen und die Grenzen des vorherigen Territoriums zurückzuschieben. Ist die Beute jedoch knapp, so kommt es vor, daß Wölfe von benachbarten Territorialbesitzern getötet werden. Oft müssen Wölfe mehrere hundert Kilometer zurücklegen, bis Sie schließlich ein freies Revier oder einen Partner finden.
Haben sich ein paarungswilliger Rüde und ein Weibchen gefunden, so wird ein Rudel gegründet. Das beginnt mit der Geburt der ersten Welpen. In Gebieten, in denen es viele Beutetiere gibt, bestehen die Rudel aus großen Wolfsgruppen. Dies können etwa 20 bis 30 Tiere sein. Das Entstehen einer Rangordnung im Rudel ist ausschlaggebend für seine Funktion. Die wechselseitigen Erfahrungen der Wölfe untereinander drücken sich in Rangbeziehungen aus. Ganz früh entwickeln sich die verschiedenen Rangpositionen innerhalb des Rudels. Sind die Welpen etwa 11 Wochen alt, so wird bereits festgelegt, wer unter den Gleichaltriegn zukünftig das sagen hat, wer der Erste am Futter ist und wer das soziale Geschehen beeinflußt. Diese Rang- und Dominanzfestlegeung zwischen Tieren beruht auf der Einschätzung der Stärke der anderen in Relation zur eigenen Stärke in einer bestimmten Situation. Sie entspricht also nicht dem wirklichen Kräfteverhältnis und muß auch nicht unbedingt durch eine direkte Konfrontation ausgetragen worden sein. Eigentlich könnte man die Dominanz in der Freiheit messen, die ein Tier gegenüber den übrigen hat. Eine feste Rangstruktur ist eine Voraussetzung für ein Funktionieren des Rudels.
Auseinandersetzungen, die eine Veränderung der Rangstruktur zum Zweck haben, finden nur zwischen gleichgeschlechtlichen Wölfen statt. Dies bedeutet, daß es im Wolfsrudel zwei verschiedene Rangordnungen gibt: eine für die Männchen und eine für die Weibchen. Spätestens wenn es um die hart umkämpften Vorrangpositionen in einem Rudel geht, entwickeln sich die Rangpositionskämpfe aus Streitigkeiten zwischen zwei Wölfen. Diese Kämpfe können das Rudel in zwei Lager spalten. Jede Veränderung in der Rangbeziehung zweier Tiere führt zu einer Häufung aggresiven Verhaltens zwischen nahezu allen Rudelmitgliedern. Allgemein gilt, daß es dem Rudel überlassen ist, nach einem hohen Rangkampf zu entscheiden, ob der Verlierer im Rudel bleiben kann. Wird der Verlierer zum Prügelknaben, muß Er gehen und sich ein neues Rudel suchen. Bleibt Er in der Nähe des Rudels, können sich die erhitzen Gemüter besänftigen und der Verlierer kann sich in Demutshaltung dem Gewinner nähern, der Ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder duldet. Aus diesen Gesetzmäßigkeiten der sich ständig verändernden Rangstruktur ergibt sich die aktuelle Rangordnung im Wolfsrudel.
In der Regel sind die Alpha-Tiere auch die ältesten Tiere. Zwischen den ranghöchsten Tieren und den übrigen Rudelmitgliedern sind große Kompetenzunterschiede vorhanden, zwischen den übrigen nicht. Bei sehr starkem Druck von ranghöheren Tieren, vermischen sich die Unterschiede zwischen den rangniedrigeren Tieren, vor allem bei den Weibchen. Innerhalb der anderen Rudelmitglieder gibt es eine soziale Rangordnung im kleinen Kreis. Zwischen Erwachsenen Wölfen verschiedenen Geschlechts besteht keine Rangordnung, nur wenn der Altersunterschied groß ist, es kommt jedoch nie zu Rangkämpfen.