Der Wolf
Klug, anpassungsfähig und leider zum Tod verurteilt.
Der Wolf war schon etwa 100000 Jahre vor uns auf der Erde. Wir schauten uns vom Wolf ab, was man zum Überleben braucht: Jagdmethoden, die Beurteilung der Fährte anderer Tiere, Erfolgsstrategien.
Heute ist Er unser "Todfeind", denn Er kann sechs Geißlein verschlingen, eine Großmutter und das Mädchen mit der roten Kappe noch dazu...


Es gibt verschiedene Wolfsarten. (siehe Wolfsarten). Jede Art sieht ein wenig anders aus. Sei es der Körperbau, Größe, Fellfarbe oder das Gewicht. Die Wölfe Kanadas, Alaskas und der GUS sind die größten. Sie können bis zu 80 Kilogramm wiegen. Die Wölfe der warmen und heißen Regionen, wie dem vorderen Orient, sind kleiner und wiegen nur ca. 15 Kilogramm.
Bei den nördlichen und südlichen Wölfen gibt es für die Größenunterschiede einen wichtigen Grund: Im Norden herrscht kälteres Klima. Die Speicherung von Wärme und der Schutz vor dem Auskühlen sind überlebenswichtig. Ein großvolumiger Körper mit einer relativ kleineren Oberfläche kann Wärme länger speichern. Diese Vorraussetzungen erfüllen die nördlichen Wölfe mit Ihrem großen Körper eher als südliche Wölfe.
Der Wolf ist ein Wanderer und trifft so (heute leider nur noch spärlich) immer wieder auf Artgenossen. Neue Familien werden gegründet, wobei neue Varianten entstehen können, denn es treffen schonmal Wölfe unterschiedlicher Art aufeinander. Manche dieser Arten oder Rassen sind nur von Experten zu unterscheiden und auch nur dann, wenn das Gebiß genau untersucht und der Schädel vermessen wurde. Andere Rassen kann auch ein Laie unterscheiden, wie den arktischen oder den orientalischen Wolf. Aufgrund genetischer Untersuchungen gibt es heute etwa 12 Wolfsunterarten oder Rassen, die sich durch Gebiß, Schädelumfang, Körpergröße, Gewicht, Aussehen und Ihren Lebensraum unterscheiden. Jedoch nicht in Ihrem Verhalten und der Naturgeschichte. Zoologen sprachen lange Zeit von zwei Wolfsarten, und zwar vom Grauwolf (Canis lupus) und Rotwolf (Canis lupus).

Die Geschichte der Wölfe beginnt vor etwa 15 Millionen Jahren, im oberen Miozän. In dieser Zeit entwickelte sich Tomarctus. Es war ein verhältnismäßig kleines Raubtier aus dem durch schrittweise Anpassung Wölfe, Füchse, Schakale, Dingos und weitere Verwandte, wie auch der Haushund, entstanden.
Alle Nachfahren von Tomarctus werden systematisch in der Familie der Hundeartigen, Canidae, zusammengefaßt. Sie besteht aus 16 Gattungen mit 36 Arten. Dem Wolf ist es wie keinem anderen Mitglied der Hundefamilie gelungen, die unterschiedlichsten Lebensräume zu besiedeln. Er lebte bis zum Beginn der Neuzeit in ganz Nordamerika, von den arktischen Inseln und Nordgrönland bis weit nach Mexico hinein. In Eurasien bewohnte Er die Regionen von der Polarküste bis in den Süden Indiens, von den Britischen Inseln und der Atlantikküste im Westen, bis zum Pazifik und nach Japan im Osten. Er kam von der baumloasen Tundra im Norden, über die Taiga, den Mischwaldgürtel bis zur Steppe und Wüste vor.
Der Wolf verträgt Meeresklima sowie Festlandklima, kommt mit sumpfigen Niederungen ebenso gut zurecht, wie mit dem Hochgebirge. Er bevorzugt menschenleere Regionen. Einst besiedelte Er ein Gebiet von etwa 70 Millionen Quadratkilometern, dies entspricht beinahe der Hälfte der gesamten Landfläche der Erde. Anpassungsfähigkeit, Klugheit und Vorsicht sind seine Markenzeichen. Sein Untergang begann mit der großflächigen Rodung der Wälder, dem damit verbundenen Rückgang von Beutetieren und schließlich der beispiellosen Verfolgung durch den MENSCHEN.

Der heutige Haushund ist nachweislich ein domestizierter Wolf. Die Haushunde unterscheiden sich jedoch so stark von den Wölfen, daß man Sie wissenschaftlich unter der Art Haushund (Canis lupus familiaris) einordnet.
Der Wolfsforscher Erik Zimen nimmt an, daß noch vor dem Lamm und dem Rind der Wolf der erste war, den der Mensch zum Haustier machte. Vor etwa 15000 Jahren, so vermutet Er, gelang es dem Menschen, einer Wölfin ein paar Junge zu stehlen. Der Mensch wußte, daß die Wölfin nur einmal im Jahr Junge in einer Höhle wirft. Zimen nimmt an, daß die Jungen aus der Höhle entwendet wurde, als das Rudel auf Nahrungssuche war. Da es noch keine anderen Haustiere gab die Milch lieferten, diente wohl die Menschenfrau als Ernährerin.
Aufgrund langer Studien weiß man heute über den Sozialisationsprozeß von Welpen (damit ist die Phase gemeint, in der Welpen erkennen, in welchem Umfeld Sie natürlicherweise leben und welche Sozialstruktur Ihnen Schutz und Versorgung bietet), daß ein Entfernen der Welpen von der Wolfsmutter möglichst bald nach der Geburt nötig ist, um den Wolf an den Menschen zu gewöhnen. Sind Welpen schon einige Wochen alt, so sind Sie schon von Mutter und Rudel geprägt und werden sich dem Menschen nie mehr ohne Angst und Scheu anschließen können.
Unter den Hundearten ist der Wolf der größte und gehört zu den schnellsten, kräftigsten und geschicktesten Jägern. Er riecht auf zwei Kilometer einen Elch und hört auf 10 bis 15 Kilometer den Schlag der Hufe. Der Wolf besitzt die typische langbeinige Statur eines Läufers; Er ist ein Zehengänger, belastet aber im schnellen Lauf auch andere Teile des Fußes. Geschwindigkeiten von 60 bis 70 Kilometern in der Stunde sind bei dieser Anatomie möglich. Nicht nur auf ebenem Gelände, sondern auch in felsigem und bewachsenen Terrain oder bei hohem Schnee hat der Wolf durch die Anatomie seiner Beine (nach innen gerichtete Kniegelenke und nach außen gestellte Pfoten) die Möglichkeit, eine schmale Spur zu setzen. So ist Er auch in unwegsamem Gelände schnell und sicher. Der Wolf ist gesellig, seine Stärke liegt im Familienverband. Die Kommunikation im Wolfsrudel funktioniert über ein ausdrucksvolles Minenspiel, Körpersignale, Geruchsinformationen und Lautäußerungen. Aber auch nur durch Bewegungungen der Stirn-, Mund- und Ohrenmuskulatur sowie der Augen kann ein Wolf ganz genau vermitteln, wie Er sich fühlt und was Er will, und seine Artgenoßen können entsprechend reagieren.
Nur wenige Gemeinsamkeiten sind dem Haushund und seinem Stammvater geblieben: Die Länge der Tragzeit, der Fellwechsel im Frühling und die Ausbildung eines Winterfells sowie die Reihenfolge, mit der die ersten Zähne erscheinen.
Die Verbindung mit dem Menschen hatte für den Wolf nicht nur positive Auswirkungen. So verlor der Hauswolf unter der Obhut des Menschen 30% seines Gehirnvolumens und wurde zum eifrigen, willigen, untertänigen Jagdhund umfunktioniert. Der Mensch hat aus dem intelligenten Wolf einen "dummen Hund" gemacht.
Wölfe sind klüger als Haushunde. Sie begreifen zB sehr schnell, wie man durch das Drehen eines Knopfs eine Tür öffnet. Ein Wolf kann das aufgrund eigener Erfahrungen lernen, aber auch (und das ist die den Hunden bei weitem übertreffende Intelligenz) nur durch das Beobachten von Menschen. Wölfe haben die Fähigkeit zum einsichtigen Verhalten, das heißt Sie können auch komplizierte Zusammenhänge durchschauen. Hat unser Hundestammvater einmal entdeckt, wie man aus einem Zwinger entweicht, wird man Ihn nie wieder in diesem Zwinger halten können. Geschichten wie diese sind keine Seltenheit: Ein Wolf hatte einen 8 Zentimeter breiten Spalt neben einer Falltür an der Decke seines 2,5 Meter hohen Käfigs entdeckt. Über diesen Spalt zwischen Falltür und Käfig verlief das Öffnungsseil für die Zwingertür, die sich am Boden befand. Nachdem das Tier wohl beobachtet hatte, daß sich das Seil an der Zwingerdecke beim Öffnen der Zwingertür am Boden immer bewegte, versuchte Es, das Seil mit seinen Zähnen zu erreichen und zu ziehen. Irgendwann gelang das dem eingesperrten Wolf und Er öffnete damit die Tür am Boden. Der Wolf entdeckte das die Zwingertür am Boden einrastete, wenn Er kräftig am Seil zog. Er zog solange, bis die Zwingertür offen blieb. Der Wolf begab sich in die Freiheit und wurde nie mehr gesehen. Zu solchen Denk- und Willensleistungen ist unser Freund und Hausgefährte, der Hund, nicht fähig.
Es gibt neben der Intelligenz noch weitere Unterschiede zwischen Wolf und Hund. Besonders auffällig sind die unzähligen Hunderassen vom Pinscher bis zum Bernhardiner. Selbst der Schäferhund, der seinen Vorfahren noch ähnlich sieht, hat im Gegensatz zum Wolf keine Duftdrüsen an der Schwanzwurzel, die Pfoten sind kleiner, während die Gliedmaßen des Wolfs als etwas zu groß erscheinen. Der Hund hat kleinere Zähne, eine kürzere Schnauze und eine breitere Stirn.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Wolf und Hund liegt in der Auswahl seiner Gefährten: Der Hund bevorzugt den Menschen, der Wolf will unter Wölfen sein. Doch der in Wolfsrudeln anzutreffende Hierarchiegedanke ist dem Hund noch zu Eigen. Der Chef des Haushundes ist sein Besitzer. Der Chef im Rudel ist der kräftigste Wolfsrüde mit den besten Eigenschaften, der Alpha-Rüde.
Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist, daß Hunde zweimal im Jahr Junge werfen, der Wolf nur einmal.
Der Alpha-Rüde paart sich mit dem Alpha-Weibchen im Rudel, deren gemeinsame Welpen dann im Rudel großgezogen werden. Die anderen Mitglieder des Rudels paaren sich in der Regel nicht und bekommen auch keinen Nachwuchs. Bereits im ersten Lebensjahr erreichen Wölfe Ihre endgültige Körpergröße. Viele sind im Herbst des ersten Jahres so schwer wie ein ausgewachsenes Tier. Das schnelle Wachstum und das damit verbundene rasche Erlernen des gesamten Verhaltensrepertoires hat seinen Sinn. Der nahende Winter verlangt Kraft und Ausdauer von den Nachkommen. Vor allem die Wölfe des Nordens müssen dem Schnee und Eis entfliehen und lange Wanderungen auf sich nehmen. Wären die Jungen noch zu klein, würden Sie die lange Reise in gemäßigtere Regionen kaum durchhalten. In manchen Gebieten Nordkanadas und Alaskas müssen die Wölfe den wandernden Karibuherden folgen, die Ihre Hauptnahrungsquelle sind. 450 Kilometer und mehr werden von den Rudeln zurückgelegt. Wölfe wandern nur nachts und können dann auf der Suche nach Nahrung 20 bis 50 Kilometer im lockeren Trab zurücklegen.
Wölfe sind Rudeltiere. Das Rudel bietet Versorgung, Sicherheit und den lebenswichtigen sozialen Kontakt. Jeder einzelne Wolf nimmt in diesem Rudel eine andere Position ein, die von seiner Persönlichkeit abhängt. Diese Persönlichkeit ist einerseits festgelegt, andererseits wird Sie durch die Rangstellung im Rudel ständig geformt. Menschen, die Wölfe großgezogen haben, können diese Dynamik in einem Wolfsrudel bestätigen. Es gibt schüchterne Wölfe, hinterhältige und extrovertierte, undurchschaubare. Entsprechend fügen sich die jungen Wölfe im Lauf Ihrer Entwicklung in die Struktur des Rudels ein und können auch hier Ihre Rangstellung immer wieder verändern.
Im Rudel, dem Jagd- und Familienverband beim Wolf, steht an erster Stelle der Leitwolf, der Alpha-Rüde. Er hat sich diesen Rang erkämpft. Er ist der wesentliche Entscheidungsträger im Rudel, der erfahrene Anleiter, der Aufpasser und Beschützer, der freundlich-tolerante Mittelpunkt des Rudels. Zu Ihm gehört das Alpha-Weibchen, das ranghöchste Weibchen im Rudel. Nur Sie bekommt normalerweise Junge und versucht zu verhindern, daß andere Weibchen im Rudel Junge werfen. Die Aufgabe des Alpha-Weibchens ist es, die Nahrungsbeschaffung für die rasch wachsenden Welpen zu organisieren. Jedes weitere Jungtier einer anderen Mutter würde die Überlebenschance der eigenen Nachkommen verringern. Mit Aggressivität und Durchsetzungsvermögen muß es dem Alpha-Weibchen gelingen, nur sich selbst fortzupflanzen.
In einer abgestuften Rangordnungn folgen den beiden Alpha-Tieren die anderen Wölfe des Rudels. Das Rudel ist meist für das gesamte Wolfsleben (und das beträgt bei einem Wolf in freier Wildbahn etwa sieben Jahre) die bevorzugte Lebensform. Ausnahmen sind die Rüden, die etwa im Alter von zwei Jahren das Rudel verlassen, und auf der suche nach einem Lebenspartner zur Familien- und Rudelgründung erst einmal als Einzelgänger umherstreifen. Alte und schwache Rüden, die aufgrund der Abnutzung der Zähne und des Befalls mit Schmarotzern große Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme haben, werden manchmal von Ihrem Rudel ausgestoßen. Sie sind als Einzelgänger zum Tod verurteilt.
Der Jagderfolg ist im Rudel größer und die Chance satt zu werden ebenso, denn ein ausgewachsener Wolf braucht zwei bis drei Kilogramm Fleisch am Tag; dies entspricht einem mittleren Hirsch oder fünf Rehe im Monat. Unentberlich ist der Wolf als "Gesundheitspolizei" der Natur. Alte und kranke Tiere sind seine Hauptnahrung. Nur wenn Ihm leichte Beute, zB durch eingesperrte Nutztiere möglich ist, nimmt Er diese Chance wahr. Wölfe schlagen nur soviel Beute, wie Sie zum Überleben und der Aufzucht der Welpen benötigen. SIE SIND KEINE BLUTRÜNSTIGEN KILLER, DIE ALLES IM BLUTRAUSCH TÖTEN, WAS SICH BEWEGT!!! Ist das Nahrungsangebot nicht so üppig, schlagen Wölfe auch Kleintiere, oder Sie begnügen sich mit Pflanzen und Früchten.
Vom Wolf hat der Mensch gelernt, daß Hirsche und Rehe scharfe Hufe haben und daß der Stoß eines Geweihs tödlich sein kann. Der Mensch machte sich den Wolf untertan, veränderte und verbesserte seine Jagdmethoden, der Wolf nicht. Die Erfolgsquote vom Wolf liegt bei 4,6%. Der Mensch übertraff Ihn rasch in der Jagdmethode, aber auch in Sinn und Zweck der Jagd. Seit Generationen müssen wir nicht mehr jagen, um zu überleben. Die Trophäenjagd, die sinnlose Befriedigung eines alten Triebs, ist heute in den meisten Kulturen das Jagdziel.
Die Konkurrenz mit dem ehemaligen "Lehrmeister" begann, als der Mensch sein Revier nicht mehr mit Duftnoten wie der Wolf markierte, sondern mit Zäunen, um darin Tiere zu halten. Weil aber der Wolf immer nur das tat, was Er schon immer getan hatte, nämlich jagen, auch die mühsam aufgezogenen Schafe, begann der Mensch Ihn zu hassen und zu verfolgen.
Trotz der engen Bindung des Menschen zum Hund, löst dessen wilder Vorfahre beim Menschen Angst, gleichzeitig aber auch nachhaltige Faszination aus. Für viele Naturvölker blieb der Wolf der Inbegriff des Guten, ein Teil der Natur, ein Bruder, Ihr Urvater. Für die Bauern des Mittelalters wurde Er zum Geschöpf böser Dämonen oder des Teufels, zum blutrünstigen Killer und schließlich zum Mittelpunkt vieler Sagen und Mythen, die bis heute lebendig sind. Gepaart mit der Wut ständig an den Wolf sein Weidevieh zu verlieren, war der Wolf in den meisten Regionen der Erde ausgerottet. Das Kopfgeld hatte seine Wirkung getan.
Heute will man dem Wolf wieder eine Chance geben, doch die uralten und tief verwurzelten Meinungen über den Wolf, verhindern eine objektive Beurteilung des Lebewesens Wolf, seines Nutzens und seiner Überlebensproblematik. Die Haß- und Angstgefühle des Menschen diesem Tier gegenüber, lassen sich LEIDER nur schwer ändern und in eine neue Gefühlsrichtung umpolen.