Das Familienleben
Zum Heulen zärtlich
Es ist fast so wie beim Menschen: Er zieht einsam durch die Gegend, auf der Suche nach Ihr; Sie sucht auch, ebenso einsam; Sie treffen sich, Sie mögen sich und ziehen dann Ihre Kinder groß - und wenn Er nicht zu alt oder schwach geworden ist, dann geht das ungefähr fünf Jahre so weiter - letzteres glücklicherweise nur beim Wolf.

Es ist aber nicht ganz so wie beim Menschen, denn Wölfe streben nur in der Ranzzeit dem anderen Geschlecht zu. Die Begegnung kann zufällig sein oder durch die extremen Sinne des Wolfs gesteuert werden. Der Geruchssinn spielt die ausschlaggebende Rolle. Doch zunächst macht das einsame Heulen beide Geschlechter aufeinander aufmerksam. Wird das Heulen beantwortet, geht man aufeinander zu. Die Distanz kann mehrere Kilometer betragen. Immer wieder bleiben die Suchenden stehen und heulen, um die Richtung zum Partner einhalten zu können. Erst kurz bevor Sie sich treffen ist sicher, ob es sich um gleichgeschlechtliche Tiere handelt oder Weibchen und Männchen Ihrem Heulen gefolgt sind. Erst wenn Sie so nah sind, das Sie Witterung aufnehmen können und die über den Körper abgegebeben Hormonsignale gerochen werden, wird klar, ob Sie für einander bestimmt sind oder nicht. Auch wenn der richtige Partner nicht gefunden wurde, gehen die Wölfe manchmal ein Stück Weg miteinander, um nicht alleine zu sein, denn der Wolf ist ein zutiefst soziales Tier. Haben Sie sich doch gefunden, so gehen Sie schwanzwedelnd aufeinander zu, wimmern und schnappen ein wenig nach Luft. Das Maul steht offen, es sieht aus als würden Sie "lächeln", und die Zunge schnellt vor und zurück. Schließlich lecken sich beide die Schnauze. Das Männchen stellt dabei den Stand der Hitze des Weibchens fest. Oft schreitet es sofort zur Tat.
Auf der Suche nach einem eigenen Revier streifen die Beiden nun einige Tage oder gar Wochen gemeinsam durch die Gegend. Zwischendurch wird gespielt und gejagd. Die Wanderrichtung wird häufig geändert, denn bereits besetzte Territorien müssen gemieden werden.
Da die Paarung der Wölfe in den jeweiligen Verbreitungsgebieten ungefähr zum gleichen Zeitpunkt stattfindet, signalisieren auch die Duftmarken der Reviergrenzen den Stand der Ranz des dort lebenden Alpha-Paars. In der Ranz ist sie doppelte Markierung der Reviergrenzen besonders auffällig. Das Alphaweibchen spritzharnt gleich neben dem Männchen. Der Harn des Weibchen hat eine rötliche Färbung. Je jünger das Paar ist, umso öfter werden diese Duftmarken gesetzt. Man vermutet, daß damit das Band zwischen den Partnern enger geknüpft wird.
Zuneigung bekunden sich Wölfe das ganze Jahr über, doch während der Ranz besonders heftig. Das paar schläft eng aneinander gedrängt, es leckt sich häufig gegenseitig das Fell und wandert zusammen. Sie legen sich gegenseitig die Voderpfoten auf die Schultern, und Sie lassen keine Gelegenheit zu zärtlichen Berührungen aus. Kurz vor der Kopulation zieht sich das Paar, sofern es sich um ein bestehendes Rudel handelt, einige Tage zurück, um Störungen durch andere Rudelmitglieder zu vermeiden.
Im nordlichen Verbreitungsgebiet des Wolfs findet die Paarung zwischen März und April statt, im Süden früher. Die körperliche Bindung ist bei Wölfen nicht so fest wie bei den Hunden. Während sich Hunde erst nach Beendigung des Begattungsaktes wieder voneinander lösen können, ist das bei Wölfen jederzeit möglich. Dies ist eine Vorsichtsmaßnahme bei drohender Gefahr. Allerdings kann die Vereinigung bis zu 30 Minuten dauern. Das Männchen ejakuliert während dieser Zeit mehrfach. Man vermutet, daß damit vielleicht sichergestellt wird, daß das Weibchen wirklich nur von einem Männchen begattet wird.
In einem Rudel paaren sich nur die Alpha-Tiere. Alle anderen Tiere, ob Männchen oder Weibchen werden von den Leitwölfen so unter psychischen Streß gesetzt, daß diese es nicht wagen, um die Gunst des anderen Geschlechts zu werben. Man nimmt auch an, daß es durch den Streß zu einer vermehrten Ausschüttung von Adrenalin kommt, wodurch die Empfängnis- und Zeugungsbereitschaft der Tiere unterbunden wird.
Es kommt aber immer wieder unter rangniedriegeren Wölfen vor, daß Sie stark nach einer Paarung drängen und die Einschüchterungsversuche der Alpha-Tiere erfolglos sind. Diese Tiere verlassen dann das Rudel und streifen in der Nähe umher. Sie bleiben aber weiterhin in Ruf- und Riechkonntakt mit dem Rudel. Sollten Sie keinen neuen Partner gefunden haben, kehren Sie am Ende der Ranzzeit wieder ins Rudel zurück. Ein solch eigenmächtiges und in der Rudelhirarchie verbotenes Verhalten wird von den anderen Rudelmitgliedern nicht widerstandslos toleriert. Der Ausreißer muß sich seinen Rang im Rudel erst wieder erkämpfen.
Werbung, Paarbildung und Begattungsvorgänge werden also bei den Wölfen durch komplexe, ritualiesierte Verhaltensmuster geregelt. Gesteuert wird das ganze durch das Hormonsystem der Tiere. Wölfinnen können auch scheinträchtig werden. Ihr Hormonsystem verhält sich dabei so, als ob das Weibchen tatsächlich trächtig sei. Es kann sogar Milch gebildet werden, und das Weibchen kann so fremde Welpen säugen. In Gefangenschaft hat man ein derartiges Ammentum schon häufig beobachtet, in der Natur ist dieses Erscheinungsbild jedoch umstritten.
Hat das Paar ein Revier gefunden, wird ein Ort für die Geburt und Aufzucht der Jungen vorbereitet. Falls der Boden zu hart sein sollte um eine Höhle zu graben, kann dies auch ein Felsvorsprung, eine natürliche Kuhle oder auch ein dichtes Gehölz mit Erlen, Weiden oder Weißdorn sein.
In der Regel wird aber eine Höhle verwendet. Der Wurfkessel befindet sich am Ende eines unterirdischen, etwa zehn Meter langen Gangs, der vom Weibchen gegraben wird. Der Grund für die harte Arbeit, ein unterirdisches Bauwerk mit derartigen Ausmaßen zu erstellen ist, daß Wölfe sehr vorsichtig sind. Das Weibchen gräbt so tief ind Erdreich, bis von Außen keine Geräusche mehr eindringen. So werden später auch keine Geräusche der Welpen bis zum Höhleneingang vordringen. Somit sind die zuerst vollkommen hilflosen Welpen sicher.
Der Wurfkessel liegt etwas über dem Niveau des Höhleneingangs, um nicht von Regenwasser überflutet zu werden. Er enthält keinerlei Polstermaterial. Dies hat den Vorteil, das weder Mutter noch Nachkommen von Flöhen und ähnlichen Parasiten befallen werden. Zum Schutz vor Krankheiten hält die Wölfin die Höhle frei von Kot, indem Sie Ihn frißt. Der ammoniakhaltige Urin der Nachkommen dient dagegen als Desinfektionsmittel für den Boden.
Wohnhöhlen werden über viele Generationen benutzt. Im Denali Nationalpark, in den USA, ist eine Wurfhöhle nachweislich seit 50 Jahren in Gebrauch. In Kanada entdeckte man eine Höhle, deren Umgebung mit Knochen von Beutetieren übersät war. Bei einer Altersprüfung der Knochen stellte man fest, daß diese Höhle bereits seit 800 Jahren als Wohnhöhle benutzt wurde.
Nach einer Tragzeit von 61 bis 63 Tagen werden die Welpen geboren. Nordlich des 45 Breitengrades kommen die kleinen Wölfe zwischen Ende April und Mitte Mai zur Welt. Südlich davon werden Sie zwischen Mitte März und April geboren. Ein Wurf hat in der Regel fünf bis sieben Welpen. Sie wiegen etwa 500 Gramm und sind blind und taub.
Zuerst sind die Kleinen Wölfe vollkommen hilflos. Langsam kriechend sind Sie auf der Suche nach Nahrung und Wärme. Als Signalgeber dient Ihnen der Kopf. Wenn Sie etwas warmes spüren, bewegen Sie sich in diese Richtung weiter. Ihr Geruchssinn ist schon ausgezeichnet ausgeprägt. So finden Sie die Mutter und die Zitzen zum trinken. Es gab schon immer Amlaß zu Spekulationen, warum die Welpen so unterentwickelt geboren werden. Der Wildbiologe Ronald Lawrence aus den USA glaubt, daß durch das Abschalten aller anderen Sinne und der Konzentration ausschließlich auf den Geruchssinn, den Welpen eine tiefere Prägung auf Ihren familienspezifischen Duft ermöglicht wird und damit eine festere Familienbindung entsteht.
Die Wölfin hat acht Zitzen, vier auf jeder Seite des Magens. Damit kann Sie problemlos bis zu acht Junge ernähren. Ist ein Wurf größer, sterben meist einige der Wolfsbabys an Unterernährung. Die Stärkeren verdrängen Sie. Wenn ein Junges stirbt, trägt es die Mutter aus dem Bau. Sie gräbt ein tiefes Loch, legt das Junge hinein und verschließt es wieder. Die toten Welpen werden nicht von anderen Wölfen des Rudels gefressen.
Schon nach wenigen Tagen verläßt die Mutter zum ersten Mal die Jungen und geht auf Nahrungsgssuche mit dem Rudel. Werden die Welpen ohne anderen Bewacher zurückgelassen, so finden Sie durch Ihren Geruchssinn und dem Wunsch nach Wärme zueinander. Eng aneinander gedrückt, mit den Köpfen im Knäuel versteckt, liegen Sie im Bau und warten auf die Rückkehr der Mutter. So halten Sie sich warm und fühlen sich sicher.
Erst mit etwa 14 Tagen beginnen die Welpen zu hören und können auf plötzliche laute Geräusche reagieren. Zeitgleich öffnen sich die Augen, die in den ersten Wochen blau sind. Jetzt lernen die Welpen auch das erkennen von Artgenoßen. Damit verbunden sind die Fluchtreaktionen, wenn artfremde Lebewesen auftauchen oder unbekannte Situationen auftreten.
Mit etwa 20 Tagen machen die Welpen einen Entwicklungsschub, der Sie innerhalb weniger Tage aus Ihrem Säuglingsdasein herausführt. Die Ohren, die bisher herunterhingen, stellen sich auf, und die kleine Schnauze streckt sich zur Wolfsschnauze. Damit einher geht die Entwicklung Ihres Verhaltens und der typischen Wolfseigenschaften. In der vierten Lebenswoche entwickeln sich 60% aller einem Wolf zur Verfügung stehenden Verhaltensweisen; nach weiteren ein bis zwei Wochen haben Sie bereits 80% erreicht. Es fehlen nur noch die Verhaltensweisen, die mit Paarung und Welpenaufzucht zu tun haben.
Mit etwa fünf Wochen versuchen die Welpen spielerisch Ihren Jagdtrieb und die Jagdmethoden der Eltern zu erproben.
Von dem Moment an, wo den kleinen Wölfen von der Mutter Fleisch angeboten wird, beginnt der Futterneid. Mit Knurren und Angriffen wird das Futter auch gegenüber den Geschwistern verteidigt. Normalerweise ist die Mutter die ausschließliche Bezugsperson für die Welpen. Geht Sie jedoch mit anderen Rudelmitgliedern auf die Jagd, so springt eine Tante oder ein anderes Weibchen aus dem Rudel als Babysitter ein. Wolfsbabysitter sind in der Lage, bei Bedarf sogar Milch zu produzieren und können entweder zeitweilig oder vollkommen die Mutterrolle übernehmen, wenn die Mutter stirbt. Die weiblichen Wölfe sind in die kleinen Welpen vernarrt und reißen sich um die Rolle des Babysitters. Auch die Männchen sind sehr besorgt. Ein Rüde wurde sogar dabei beobachtet, daß Er nach dem Tod der Mutter versuchte, die Welpen zu säugen.
Acht Wochen nach der Geburt wiegen die Welpen etwa sieben Kilogramm und sind nicht mehr auf das Säugen als Nahrungsquelle angewiesen. Die Männchen sind um 20% schwerer als die Weibchen. Das Milchgebiß ist nun voll entwickelt. Die gekrümmten Eckzähne sind spitz wie Nadeln,die Schneidezähne sind scharf, die Backenzähne sind zwar nur halb so groß wie die des Dauergebißes, aber sie sind ebenso zackig und kräftig wie die Dauerzähne, die mit fünf oder sechs Monaten durchbrechen. Mit diesem Gebiß können Sie kleine Knochen aufbrechen oder Fleischstücke abreißen.
Die Eltern bringen jetzt laufend Futter in die Höhle. Mit weit geöffnetem Maul würgen Sie noch unverdautes Fleisch hoch. Die Welpen ziehen die Fleischbrocken aus der Kehle des Elterntiers. Auch die übrigen Rudelmitglieder tragen Beuteteile heran. Beutestücke ohne Knochen werden verschlungen, um auch die Mutter oder den Babysitter mit Nahrung zu versorgen. Zum üben, werden den Welpen Knochen zum nagen zurückgelassen.
Ein Wolfspaar, das erst noch ein Rudel gründet, hat mit viel mehr Schwierigkeiten zu kämpfen, als ein fest etabliertes Rudel. Während das Männchen auf die Jagd geht, bleibt das Weibchen, je näher die Geburt rückt, immer öfter im Bau zurück. Da Wölfe aber Rudeljäger sind, haben die Männchen enorme Schwierigkeiten, alleine größere Beute zu machen. Sie fangen meist nur kleine Tiere, wie Hasen oder ein kleines Reh. Dies bedeutet, daß der Rüde ununterbrochen in dieser Zeit auf Jagd ist, denn Er muß das Weibchen mitversorgen, auch noch einige Zeit nachdem die Welpen geboren sind. Derartige Beutezüge sind kräftezehrend. Erst wenn die Welpen allmählich auf Fleischnahrung umgestellt werden, kann das Weibchen wieder an der Jagd teilnehmen. Mit etwa 8 Wochen verlassen die Welpen den Bau. Man nennt den Ort, an den die Welpen jetzt gebracht werden, "Welpenhort" oder "Wolfslager". Dieser sorgfältig ausgewählte Platz, befindet sich in der Nähe von Wasser oder weniger offenem Gelände, welches von Bäumen umgeben und durch Gebüsche unterbrochen ist. In einer Mulde läßt sich das Rudel nieder. Die Welpen wagen sich immer mehr und mehr vom Lager zu entfernen, und tollen auch in einigen hundert Metern Entfernung umher. Im dichten Gebüsch können Sie ungestört Ihre späteren Fähigkeiten trainieren, und können selbständig Mäuse jagen. Sie lernen aber auch Disziplin. Um dem Wolf das richtige Benehmen beizubringen, wird Er von der Mutter oder dem Wolfsbabysitter am Nackenfell gepackt und geschüttelt. Ein einmaliges schütteln reicht da normalerweise aus. Die Rangordnung innerhalb des Nachwuchses wird auch im Welpenhort festgelegt. Mit etwa drei Monaten darf der Nachwuchs das Rudel auf der Jagd begleiten. Auch wenn die Jungtiere nur unter Bewachung und als Schlußlicht mitgenommen werden, so sind dies doch die entscheidenden Schritte für das Erlernen des Jagdverhaltens im Rudel. Im Alter von sechs Monaten, nehmen die Welpen aktiv an der Jagd teil. Sie haben Ihre Milchzähne verloren, haben die Mäusejagd erlernt, haben spielerisch Ihre Geschicklichkeit und Muskulatur trainiert und haben sich einen festen Platz im Rudel erkämpft.
Noch über die Zeit des Babyseins hinaus, ist die neue Familie oder Großfamilie innig miteinander verbunden und bis zur Geschlechtsreife der Welpen ist das Leben im Rudel von Zärtlichkeiten und liebevollen Spielen begleitet. Erst danach lösen sich die Verbindungen. Das Band zwischen den Eltern bleibt allerdings meist über viele Jahre, manchmal sogar ein leben lang, bestehen.